Tanja Breitbarth

Tanja Breitbarth

Betriebsleitung GV/Business Catering  @Klüh Catering

Lustig ist das Studentenleben

...und manchmal beneide ich die Vollzeitstudenten darum. Mit ihren drei Vorlesungstagen in der Woche und dem - von unserem Standpunkt aus gesehen - Überfluss an Freizeit, die sie zum Büffeln oder Feiern (gefühlt ist es meist eher Letzteres) nach Belieben nutzen können. Was mich an dieser Stelle verwundert ist die Aussage des Studiengangsleiters, dass trotzdem die Ergebnisse der arbeitenden Studentenschaft meist besser sein sollen... Die Hochschule ist toll. Wirklich. Man ist sehr bemüht, den Studierenden möglichst viel zu bieten und ihnen das Leben so leicht wie möglich zu machen. Es gibt Exkursionen zu Messen und potentiellen Arbeitgebern (für die in unserem Kurs kein Mensch Zeit hat), Sprachkurse, Brückenkurse in höherer Mathematik, sogar mal ein Gespräch mit den Mitgliedern der psychologischen Fakultät, wenn die study-life-balance aus den Fugen gerät - wogegen der AStA allerdings immer eine Medizin hat - Einsichttermine für die Klausuren, Infoveranstaltungen zu so ziemlich jedem Thema (letztens erst vom Prüfungsamt), eigene Mailaccounts für jeden Studierenden, Stundenpläne, Noten und alle wichtigen Termine online - selbstverständlich auf einem eigenen Account für jeden Studenten - und die Scipts der Vorlesungen werden auf der wissenschaftlichen Plattform zur Einsicht eingestellt. Letzteres ist auch bitter nötig. Eine Vorlesung ist eben wahrlich im Wortsinn - eine Vorlesung. Es wird vorgelesen - as simple as that. Der Dozent steht vor dem Kurs und rattert in Überschallgeschwindigkeit sein Script runter. Ohne Punkt und Komma und - , wenn möglich - ohne Pause. Im besten Fall bedeutet das einen vierstündigen Monolog mit einer unfassbaren Menge an Informationen und am Ende VIELLEICHT einer Übungsaufgabe. Steno gehört hier definitiv zu den sinnvollen Zusatzqualifikationen. Oder Maschinenschreiben mit mehreren hundert Anschlägen pro Minute. Blind. Der Haken daran: das Szenario findet zwischen 18 und 22 Uhr statt. Nach einem vollen Arbeitstag, der bei mir zur Zeit um 6:30 Uhr beginnt. Samstags sind es dann acht Stunden - gesetzt den Fall, dass man frei hat und auch hingehen kann. Zwar sind unsere Dozenten sehr um Verständnis bemüht, wenn wir mit glühenden Köpfen und Ohren versuchen zu folgen und mit zusammengekniffenen, roten und brennenden Augen auf die PowerPoint-Präsentation starren und uns schwitzend bemühen gleichzeitig sinnvolle Stichworte zu Papier zu bringen, ohne dabei etwas zu verpassen. Viele von ihnen lehren ja selbst noch neben dem Beruf. Trotzdem kann sich der Eine oder Andere Kommentare wie "Meine Herrschaften Sie sitzen in einer Hochschule. Das muss viel schneller gehen." oder "Wir haben keine Zeit für lange Wiederholungen und Erklärungen. Das ist eine Hochschule. Sie müssen in der Lage sein, das selbständig nachzuarbeiten." nicht verkneifen. Manchmal klingt das ganz schön arrogant und ich kriege die Wut. Ich sitze ja nicht dort, weil ich blöd bin. Und ich bin schon ziemlich lange drei mal sieben, also muss ich mich nicht abkanzeln lassen, wie ein grüner Pennäler. Wenn ich mich dann allerdings umdrehe und meine Kommilitonen betrachte, nehme ich mir vor, mich nicht angesprochen zu fühlen. Nicht nur auf Grund des doch nicht ganz unerheblichen Altersunterschiedes. Die Einen haben ein Wirtschaftsabitur und müssen die Klausuren zum Teil nicht mitschreiben. Manche beschäftigen sich dann - löblicher Weise - damit, anderen zu helfen. Der Rest sitzt wie übermüdete Kinder auf seinen Stühlen und quängelt, oder führt mangels Konzentrationsfähigkeit Privatgespräche. Und dann gibt es mich. Mir geht das tierisch auf den Geist. Auch ich muss nach meist weniger als sechs Stunden Schlaf und einer kurzen Stunde Heimaufenthalt, in der ich den Hund um den Block jage und eine Tasse kalten Kaffees vom Morgen hinunter stürze, mein letztes Bißchen Energie dafür aufwenden, der Vorlesung zu folgen. Und es ist wahnsinnig anstrengend, in dem geforderten Tempo eine anspruchsvolle Aufgabenstellung zu analysieren und die eben erst mühsam aufgenommene Masse an Informationen dort hinein zu projizieren - und gleichzeitig die Fragen meiner Nachbarin zu beantworten, welche aus mir unerfindlichen Gründen der Meinung ist, ich könne Licht in ihr Dunkel bringen, obwohl ich die meiste Zeit nicht mal selbst eine Ahnung habe, was ich da eigentlich tue. Ich habe mich sogar schon dabei erwischt, ein gereitztes "Können wir jetzt alle mal den Schnabel halten?" nach hinten zu zischen - die Streber sitzen ja immer in der ersten Reihe -, weil mich das Getuschel und Gekicher im Hintergrund total aus dem Tritt gebracht hat. Aaaaber was soll ich sagen? ICH FINDE ES GEIL!!! So ein Studium lehrt einen unglaublich viele Dinge. Alte Werte werden wieder aktuell. Z.B. der Waschlappen. Wunderbare Teile. Ich weiß garnicht, warum man heute auf das Duschen so einen gesteigerten Wert legt, wo es doch mit dem Waschlappen deutlich schneller geht. Man trägt wieder Hüte, weil die so schön das ungewaschene Haar kaschieren. Es lehrt einen Bescheidenheit und das Setzen von Prioritäten. Wäsche, die nicht stinkt ist noch sauber. Und so lange sich die Wollmäuse in der Wohnung nicht von allein bewegen, kann man sie durchaus als dekorativ betrachten. Hübsch puschelig, die kleinen Scheißerchen. Und erst ihre abwechslungsreichen Strukturen! Wer seine Fenster nicht putzt, braucht keine Vorhänge - die stauben eh nur ein. Und wenn der Kühlschrank leer ist, kann man ihn auch gleich ausschalten und Stromkosten sparen. Oder sein Fachgebiet um Biologie erweitern und eine Studie zu Wuchsverhalten und Arten von Schimmelpilzen auf unterschiedlichen Substraten verfassen. Es erinnert einen an die guten alten Zeiten, in denen man noch ein Teenager war, wenn man in den Spiegel schaut und seine durch die Ernährung von Pizza, Pommes und Schokoriegeln verursachte post-pubertäre Akne begutachtet. Man lernt viele tolle Menschen kennen. Meine Kommilitonen sind alle samt wirklich super! Wir sind eine gute Gemeinschaft, helfen uns gegenseitig und halten zusammen. Wer sich nicht selbst ausschließt, gehört einfach so dazu. Hoffen wir, dass sich das niemals ändert. Und ich bin gar nicht so unglücklich darüber, weiterhin meinem Beruf nachzugehen. Auch wenn es unvorstellbar anstrengend ist. Jeder Arbeitstag und jede Konversation mit allen Protagonisten meines Berufslebens erinnern mich daran, wofür ich mir das überhaupt antue. Danke dafür.

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